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Coming-Out Story mal anders 

 

Dieser Jugendroman ist keine typische Coming-Out Geschichte, sie ist das genaue Gegenteil. Die siebzehnjährige Sophie wurde direkt nach ihrer Geburt von ihrer Mutter verlassen und wohnt seither mit ihrem Vater zusammen. Als dieser eine Freundin findet, freut sie sich zuerst für ihn, doch spätestens als er ihr die ach so großartige Nachricht überbringt, dass sie zu ihr, ihren zwei Söhnen und in ihr grosses, teures Haus ziehen, änderte sich ihre Meinung. Aber schon befindet sie sich mit ihrem Vater im Auto in Richtung Hamburg.  

Durch die Ich-Erzählung bekommt man schnell einen Einblick in Sophies Gedankenwelt: Am Anfang ist sie immer schlecht gelaunt, vor allem als sie dann in ihrem neuen Wohnort ankommt. Das ist aber nur ein Grund für ihre Laune, es gibt noch einen gewichtigeren Grund: die Liebe. Davon versteht Sophie nämlich überhaupt nichts, wie auch? Sie wurde von ihrer Mutter, die sie eigentlich bedingungslos hätte lieben müssen, im Stich gelassen. Natürlich hatte sie schon etwas mit Jungs gehabt, aber jedes Mal spürte sie danach nichts anderes als Leere. Doch dann lernt sie ihr Nachbarsmädchen Alex kennen. Die beiden verstehen sich sofort ausgezeichnet. Mit der Zeit kommen sie sich immer näher und erzählen sich ihre tiefsten Geheimnisse, bis sie sich auf einer Party bei Wahrheit oder Tat küssen müssen. Sophie hat plötzlich Gefühle, die sie so nicht kennt, und ist sich sicher, dass Alex auch etwas gespürt hat. Steht sie jetzt auf Mädchen? Lange zerbricht sie sich den Kopf, doch als es dann zu einem zweiten Kuss kommt, spüren es beide intensiv. Jetzt gäbe es ein Happy End, wenn nicht eines wäre: Alex hat einen Freund. Aber das ist nicht das einzige Hindernis. Wenn sie sich outen würde, würde es dem Ruf ihrer Familie schaden,  wie sie fest überzeugt ist. Alex’ Familie sieht nämlich von aussen aus wie die perfekte Traumfamilie, von innen ist sie das genaue Gegenteil. Ihr Vater betrügt ihre Mutter schon seit Jahren mit einer viel jüngeren Frau, und das weiss ihre Mutter sogar. So kommt es zwischen den beiden Mädchen immer mehr zu Auseinandersetzungen, denn Sophie findet Alex plötzlich nicht mehr so selbstbewusst wie am Anfang. Ist das das Ende ihrer Liebe? 

Das Buch ist in teils längere, teil kürzere Kapiteln gegliedert, jedes hat ein kleines, passendes Bild am Anfang. Gleichzeitig ist es in Monate unterteilt, von März bis September. Man sieht, wie sich Sophie jeden Monat verändert. Ganz am Anfang des Romans gibt es ein geschickt platziertes Kapitel, das von der Chronologie der Ereignisse her erst sehr am Ende kommt. Das macht einen neugierig und man will weiterlesen.  

Die Jugendgeschichte lässt sich sehr flüssig lesen, der Schreibstil der Autorin ist wunderbar frech, humorvoll und zugleich sehr verspielt und tiefgründig. Es hat viel Realismus in der Geschichte, vor allem mit den vielen Nebencharaktere, die alle ganz unterschiedlich sind. Die ganzen Probleme könnten auch im echten Leben so sein. Da die Geschichte in der Gegenwart spielt, hat man das Gefühl, selbst dabei zu sein. Man schliesst die beiden Hauptpersonen Sophie und Alex mit der Zeit ins Herz, obwohl Sophie am Anfang sehr aggressiv und kindisch wirkt und man von Alex fast nichts Genaues erfährt. Sie passen nämlich trotz allen Unterschieden perfekt zusammen.  

Eine Kritikerin meinte: «Die Handlungs- und Denkweise der Figuren sind für ein Jugendbuch ziemlich fragwürdig.» Sie meint damit, dass vor allem die Beschreibung der Jungs sehr sexistisch und unpassend sei. Im Buch hatten beide Mädchen etwas mit Jungs, aber nichts gefühlt, da die Jungs schlecht mit Mädchen umgehen können. Doch dabei hat sie recht. Es wird so dargestellt, als seien alle Männer so und nicht nur diese paar Ausnahmen. Aber natürlich ist das ja die Meinung der beiden Mädchen, die sich nicht von Jungs angezogen fühlen. Was die Kritikerin an der Geschichte auch noch stört, ist, dass das Körperliche der beiden Mädchen zu sehr im Zentrum stehe. Das ist natürlich ihr gutes Recht; wenn man aber solche Versionen von Romanzen nicht mag, sollte man das Buch halt auch nicht lesen. Das Buch richtet sich eher an neugierige Jugendliche, die gerne den lustigen und unverschämten Humor von Sophie erleben möchten oder nicht die typischen Romanzen mögen.  

Durch das rote Cover fällt einem das Buch sofort im Bücherregal auf, es ist schwer zu übersehen. Auch der Titel passt, denn es gibt viele Dinge, die Sophie einfach nicht aussprechen kann. 

Ich bestätige hiermit, dass es in diesem Text keine wörtlich aus dem Internet übernommenen Passagen gibt, ausser sie sind als Zitate gekennzeichnet. 

- Der Mund voll ungesagter Dinge, Anne Freytag, 2017

- J.B. (weiblich, 15)